Netz mit Grenzen: Uni Hildesheim sorgt mit Leichter Sprache für Verständnis im Internet

30. Januar 2013, 11:30 Uhr

Sie setzen auf kurze Sätze – ohne dass Informationen verloren gehen. „Barrierefreiheit“ ist für Programmierer von Internetseiten zwar kein Fremdwort, doch viele Behinderte, Nicht-Muttersprachler und funktionale Analphabeten stoßen im weltweiten Netz schnell an Grenzen. Nicht nur öffentliche Stellen, auch die Wirtschaft sollte sich stärker um Verständlichkeit bemühen, fordert Prof. Dr. Christiane Maaß von der Universität Hildesheim. Es fehlen einheitliche Regeln für Übersetzungen in Leichte Sprache – die Sprachwissenschaftler der Uni Hildesheim wollen sie entwickeln.

„Bundes-Tag ist der Name für ein großes Haus in Berlin.“ steht auf der Internetseite des Deutschen Bundestags, die es seit Oktober 2012 in Leichter Sprache gibt. Auch die Wahl des Bundeskanzlers wird erklärt. Genauso gibt es Fußballregeln, Wahlprogramme von Parteien und Nachrichten in Leichter Sprache. Sie verzichten auf Schachtelsätze, erklären Fremdwörter, arbeiten mit Beispielen und Bildern. Wer produziert diese Texte, wie verständlich sind sie? „Sag es einfach, klar“, ist ihr Motto – und zugleich eine Herausforderung. An der Universität Hildesheim lernen Studierende die „Barrierefreie Internetkommunikation“. Am 30. Januar gehen zentrale Teile der Internetseite des Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte in Leichter Sprache online. 24 Studierende des Masterstudiengangs „Medientext und Medienübersetzung“ haben u.a. 27 Berufsbilder – genormte Texte der Handwerkskammer – übersetzt.

„Damit ich Fachbegriffe wie ‚Psychosomatische Störungen‘ und ‚Eingangs- und Verlaufsdiagnostik‘ überhaupt verständlich erklären konnte, hat ein Ausbilder mir die Tätigkeit beschrieben. Übersetzer müssen mit den Inhalten vertraut sein“, sagt Student Alexander Kurch. „Und wenn im Ausgangstext steht ‚körperlich belastbar sein‘, dann mussten wir weitere Infos einholen – denn beim Hauswirtschafter, Koch oder Tischler sind die Belastungen unterschiedlich“, ergänzt die Leipzigerin Maria Heybutzki.

Leichte Sprache nutzt nicht nur Menschen mit Behinderungen, sondern auch jenen mit geringen Deutschkenntnissen, Nichtmuttersprachlern oder funktionellen Analphabeten.

„Öffentliche Stellen bemühen sich zunehmend um barrierefreie Informationsangebote – allerdings sind diese von wechselnder Qualität“, sagt Prof. Dr. Christiane Maaß. Die Professorin für Medienlinguistik forscht und lehrt an der Universität Hildesheim im Bereich „Barrierefreie Kommunikation“ und leitet das Übersetzungsprojekt zusammen mit Uta Fröhlich. Im Internet könne man sich schnell über Ereignisse, Fakten oder Verordnungen informieren. Doch viele Internetseiten stellen Hürden für die Nutzer dar, sagt Maaß. „Informationen sind schlecht auffindbar, können auf dem Ausgabegerät nicht dargestellt werden oder sind in komplizierter Sprache verfasst.“ Manche Inhalte, etwa aus dem medizinischen, juristischen oder behördlichen Kontext, sind für Menschen mit Sinnesbehinderungen überhaupt erst zugänglich, wenn sie in Leichter Sprache vorliegen. Maaß fordert, mehr Webseiten zusätzlich in dieser syntaktisch und lexikalisch vereinfachten Form des Deutschen anzubieten.

Nur wenige Internetseiten sind in „Leichter Sprache“ zugänglich, die meisten von Behörden. Erst seit 2011 gilt die Verordnung „BITV 2.0“, die den barrierefreien Zugang zum Internetauftritt der Bundesbehörden regelt. Politische Abläufe und Entscheidungen müssen verständlich gemacht werden. „Im nicht-behördlichen Bereich stehen wir ganz am Anfang. Auch die Unternehmen stehen in der Pflicht. Die Wirtschaft hat sich bislang kaum auf die Bedürfnisse sinnesbehinderter Menschen eingestellt. Außerdem fehlt eine wissenschaftliche Aufarbeitung: Leichte Sprache braucht fundierte Übersetzungsregeln, damit die Texte wirklich für einen möglichst großen Kreis von Lesern hilfreich sind.“, bemängelt Maaß. Es fehlen Profis, die die Übersetzungen durchführen.

INFO: ÜBERSETZUNGSPROJEKT „LEICHTE SPRACHE“
Im Wintersemester 2012/13 haben Studierende der Universität Hildesheim ein Projekt mit dem Landesbildungszentrum für Hörgeschädigte (LBZH) durchgeführt. Sie übersetzten den Bereich „Berufliche Rehabilitation“ in Leichte Sprache. Die Texte sind ab sofort als zusätzliches Informationsangebot auf der Internetseite des LBZH zugänglich. Die Studierenden lernten in mehreren Werkstattbesuchen das dortige Ausbildungsangebot kennen. Im Seminar an der Uni wurden die Grundlagen der Barrierefreiheit erarbeitet, darunter rechtliche Vorgaben, kognitive und linguistische Aspekte von Sinnesbehinderung. Außerdem haben sie die „Usability“ (Benutzerfreundlichkeit) und „Accessibility“ (Zugänglichkeit) von Internetangeboten untersucht. Auf eine im Projekt unter Leitung von Uta Fröhlich erstellte Terminologiedatenbank mit verbindlichen Begriffen können Studierende auch in kommenden Semestern zurückgreifen.

Informationen zum Projekt: http://www.uni-hildesheim.de/leichtesprache

IINFO: STUDIENGANG „MEDIENTEXT UND MEDIENÜBERSETZUNG“
Seit 2011 lernen Studierende der Universität Hildesheim im Masterstudiengang „Medientext und Medienübersetzung“ den Umgang mit und die Bearbeitung von Medientexten in sehr unterschiedlichen Kontexten. Sie untertiteln Filme in anderen Sprachen, organisieren die mediengestützte Unternehmenskommunikation und bereiten Medienprodukte für Menschen mit Behinderungen auf. Für Sehgeschädigte erstellen die Studierenden u.a. in Zusammenarbeit mit dem Bayrischen Rundfunk Audiodeskriptionen von Filmen („Hörfilme“) und untertiteln Filme für Hörgeschädigte. Im Schwerpunkt „Barrierefreie Internetkommunikation“ bereiten die angehenden Medienübersetzer Websites auf. Seit 2012 steht dafür ein Medientextlabor mit 40 Computerarbeitsplätzen, die mit moderner Software ausgestattet sind, zur Verfügung.

Pressekontakt:
Isa Lange
Tel.: 05121.883-102 oder 0177.8605905
presse@uni-hildesheim.de

Quelle: Stiftung Universität Hildesheim

Seite gelesen: 3732 | Heute: 3 | Zuletzt am 15. Oktober 2017

 

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