Die Wirtschaft schaut beim Surfen zu

25. November 2010, 13:32 Uhr

Datensammelei und Datenweitergabe im Internet: vzbv fordert Transparenz und Einwilligung

Wer online unterwegs ist, hat unerbetene Zuschauer. „Behavioural Tracking und Targeting“ nennen sich die Praktiken, auf die der Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) heute im Rahmen einer Veranstaltung in Berlin aufmerksam macht. „Der gläserne Verbraucher ist im Internet bereits Realität“, sagt vzbv-Vorstand Gerd Billen. Ein aktuelles Gutachten der TU München zur digitalen Profilbildung sowie ein Online-Check zum Einsatz von Cookies zeigen: Die Erhebung und Verarbeitung von Daten läuft meist ohne Wissen und Einverständnis der Verbraucher ab.

Cookies, Pixeltracking, Network Targeting, Packet Sniffing oder Mousetracking sind nur einige Techniken, mit deren Hilfe Werbewirtschaft und Plattformbetreiber die Nutzer automatisiert ausspionieren. Das Ergebnis sind Nutzerprofile, die zur gezielten Ansprache dienen oder lukrativ an Dritte verkauft werden. „Es kann ja durchaus auch Nutzen bringen, wenn Anbieter meine Vorlieben kennen. Allerdings will ich wissen, wann mich wer beobachtet und wer meine Daten wofür nutzt“, so Gerd Billen. „Was wir brauchen sind klare Informationen der Anbieter und auf dieser Grundlage eine aktive Zustimmung der Verbraucher zum Einsatz der Techniken.“

Gemäß dem in dieser Woche veröffentlichten bayerischen Verbrauchermonitor halten zwei Drittel der Internetnutzer die Gefahr für groß bis außerordentlich groß, im Internet ausspioniert zu werden. Zudem glaubt 60 Prozent der deutschen Bevölkerung, laut einer Studie der Fittkau & Maaß Consulting GmbH, dass im Internet erhobene Daten zu Werbezwecken missbraucht werden. Auch Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner fordert eine transparente Information der Anbieter zum Umgang mit persönlichen Nutzerdaten. „Das sollte für seriöse Anbieter selbstverständlich sein“, sagt Aigner. Dies müsse auch für technische Verfahren gelten, mit denen Informationen über Nutzer gesammelt werden. Aigner: „Nutzer müssen zudem die Möglichkeit erhalten, ihre Rechte zum Beispiel auf Auskunft oder Löschung von Daten einfach und effektiv wahrzunehmen.“

Gutachten – bereits die kleinste Bewegung ist wertvoll

Das im Auftrag des vzbv erstellte Gutachten „Digitale Profilbildung und Gefahren für die Verbraucher“ kommt zu dem Zwischenergebnis: Ein Internetnutzer kann auch ohne jegliche Eingabe von Daten erkannt, sein Verhalten ausgewertet und zu Marketingzwecken genutzt werden. So hinterlassen die Nutzer schon beim bloßen Surfen im Internet Datenspuren, die über eine erstaunliche Vielzahl von Techniken eine umfassende Profilbildung ermöglicht. Wer sich davor schützen will, benötigt umfassende technische Kenntnisse. Viele Angebote setzen zum Beispiel den Einsatz von Cookies voraus. Wer diese generell ablehnt, bleibt außen vor.

Cookies – mehr als süße Plätzchen

In einer gemeinsamen Aktion prüften die vom Bundesverbraucherministerium geförderten Projekte „Surfer haben Rechte“ (vzbv) und „Verbraucher sicher online“ (TU Berlin) den Einsatz von Cookies auf Webseiten von Zeitungen, Versandhändlern, Webmaildiensten und Videoportalen. Ihr Fazit: Der Nutzer wird in der Regel nicht darauf aufmerksam gemacht, dass Cookies eingesetzt werden. Ein weiteres Ärgernis ist die lange Lebenszeit der eingesetzten Cookies, in einem Fall sogar 30 Jahre.

Die Verantwortung nicht beim Nutzer abladen

Für den vzbv ist es ein Ärgernis, dass derzeit die Verantwortung ausschließlich auf die Nutzer abgewälzt wird. „Die zahlreichen Techniken zur Sammlung, Aufbereitung und Verbreitung von Daten zeigen, wie wichtig es ist, Mindeststandards für den Daten- und Verbraucherschutz in der Online-Welt zu verankern“, bilanziert Gerd Billen. Anforderungen aus Verbrauchersicht sind:

o Opt-In: Die Vorgaben der e-Privacy-Richtlinie, die Informations-pflichten bei der Erhebung und Verarbeitung von Daten vorschreibt und ein Recht auf Ablehnung einräumt, sind konsequent in nationales Recht umzusetzen. Dies ist durch eine aktive, informierte Einwilligung zu gewährleisten (Opt-In).

o Transparenz und Wissen: Die Werbewirtschaft und die Plattformbetreiber müssen die Verbraucher in angemessener und verständlicher Weise über die eingesetzten Techniken und die Nutzung der Daten informieren.

o Selbstverpflichtung alleine reicht nicht: Der Ehrenkodex der Europäischen Direktmarketingbranche zur Erhebung und Verarbeitung von Daten muss verbindlich umgesetzt, dessen Einhaltung kontrolliert und Fehlverhalten sanktioniert werden. Notwendig sind neue und effektive Strukturen der Marktüberwachung und Rechtsdurchsetzung.

o International vermitteln: Die Bundesregierung muss sich international für die Etablierung hoher Datenschutz- und Verbraucherschutzstandards im Internet einsetzen. Zehn Jahre nach der Verabschiedung des Safe-Harbour-Abkommens verweigern sich etwa amerikanische Unternehmen noch immer europäischem Recht, wenn sie Daten in Europa erheben.

Weiterführende Informationen und Links

Präsentation: Zwischenstand des Gutachtens „Digitale Profilbildung und Gefahren für die Verbraucher„, TU München

Zusammenfassung: Zum Einsatz von Cookies auf Internetseiten, vzbv und TU Berlin

Ehrenkodex für die Verwendung personenbezogener Daten in der Direktwerbung„, Europäischer Direktmarketingverband FEDMA

Stellungnahme der europäischen Datenschutzbeauftragten (Artikel 29-Gruppe)

Link zur europäischen e-Privacy-Richtlinie

Link zur Website www.surfer-haben-rechte.de

Hinweis zum Ratgeber „Meine Daten gehören mir

Link zur Veranstaltung am 25.11.2010:
http://www.vzbv.de/go/aktuell/315/index.html

Pressekontakt:
verbraucherzentrale Bundesverband
Telefon: 030/25800-525
Fax: 030/25800-522
eMail: presse@vzbv.de

Quelle: vzbv

Seite gelesen: 4807 | Heute: 2 | Zuletzt am 18. Oktober 2017

 

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