Quo vadis – Geschäftsmodelle für digitale Inhalte?

23. November 2009, 18:23 Uhr

Bericht vom polITalk

Am 12. November hatte das Berliner Verbindungsbüro des eco zum nächsten polITalk in die Hauptstadt eingeladen. Im Mittelpunkt stand diesmal die „Suche nach Vergütungs- und Geschäftsmodellen in einem digitalen Umfeld – Digitale Inhalte als Kultur- und Wirtschaftsgut in Deutschland und in Europa“. Die Veranstaltungsreihe, die sich nicht zuletzt wegen ihres äußeren Rahmens seit Jahren als der etwas andere Treff von Politik und Internetbranche in Berlin etablieren konnte, fand erstmals in der Britischen Botschaft statt. Die großzügige moderne Architektur mit ihren frechen Farben und kühnen Formen gab eine passende Kulisse für den lebhaften Austausch über zukunftsfähige Geschäftsmodelle für Internetinhalte ab.

Der eco Vorstandsvorsitzende Prof. Michael Rotert verwies in seiner Begrüßung auf einen vom Bundeswirtschaftsministerium initiierten Wirtschaftsdialog zum selben Thema und bedauerte, unter den Gästen zwar viele seiner Gesprächspartner aus diesen Veranstaltungen zu sehen, aber keinen Vertreter des Ministeriums selbst.

Zur Einführung gab Hergen Wöbken vom IFSE Institut für Strategieentwicklung höchst spannende Ergebnisse einer noch unveröffentlichten Studie „Digitale Mentalität“ preis, die einen tieferen Einblick in die Erwartungshaltungen und Gewohnheiten der als Kunden in den Blick zu nehmenden Zielgruppen ermöglichte. Klar wurde dabei, dass Menschen, die Musik miteinander tauschen auch kein Unrechtsbewusstsein haben und dass der Vorwurf des Diebstahls an ihnen abprallt, weil ihr Handeln für sie keine Wegnahme darstellt. Andererseits nimmt die Bedeutung des Filesharings ab, weil Inhalte jederzeit im Internet verfügbar sind und dort abgerufen werden, anstatt sie auf dem eigenen Computer zu speichern. Flexible Nutzbarkeit und einfacher Zugang sind Wöbken zufolge die zentralen Erfolgsfaktoren für Anbieter von Inhalten im Internet.

Dr. Rudolf Strohmeier, Kabinettschef der EU-Kommissarin Viviane Reding, nahm diese auch von der Untersuchung Eurobarometer bestätigte Mentalität zum Anlass zu konstatieren, dass die Gleichsetzung von illegalem Download mit Diebstahl zwar aus juristischer Sicht nachvollziehbar, politisch jedoch Unsinn sei. Die hergebrachten Rechtsregeln passten für die Internetwelt immer weniger. Während außerhalb Europas Unternehmen wie Google mit großem Erfolg neue Märkte erschlössen, leide Europa unter Rechtszersplitterung und unter den Beharrungskräften von Regierungen, die sich zu Verteidigern hergebrachter Geschäftsmodelle machten. Das Argument für eine Anpassung des Rechtsrahmens, zum Beispiel beim Problem verwaister Werke, sei weniger ein juristisches als ein ökonomisches. Wenn Europa die rechtlichen Rahmenbedingungen für neue Geschäftsmodelle nicht verbessere, werde die Industrie letztlich abwandern.

Aus seiner Erfahrung als Händler mit Filmrechten spitzte Dr. Peter von Ondarza von der CLA Content Lizenz Agentur den Vorwurf an die Rechteinhaber noch zu: Insbesondere die Filmbranche sei gleichzeitig Geschädigter und Mitverursacher des illegalen Filesharings, weil sie den legalen Zugang zu Filmen über das Internet enorm kompliziert und teuer mache.

Dr. Silke Springensguth von der DuMont Net GmbH schilderte die Herausforderungen für traditionelle Zeitungsverlage, ihre Leistungen im Internet zu monetarisieren. Da niemand für Nachrichten im Internet bezahle, sei das Kerngeschäft ihres Unternehmens in Frage gestellt. Der Ausweg seien Personalisierung, neue Services auf Plattformen wie zum Beispiel Mobiltelefonen und E-Books, das regionale Anzeigengeschäft und generell eine stärkere Service-Orientierung der Verlage.

Johnny Haeusler von Spreeblick monierte, die Verlage sähen beim Internet zu stark die Probleme und ignorierten die Chancen. Deshalb hätten sie sich ihr Geschäftsmodell von Start-ups wegnehmen lassen, etwa bei den Kleinanzeigen. Es habe über zehn Jahre gebraucht, bis es endlich legale Angebote zum Download von Filmen im Internet gegeben habe. Das bei den Rechteinhabern durchzusetzen, sei nur dank der Marktmacht von Unternehmen wie Google und Apple möglich gewesen, und es vergrößere gleichzeitig deren Machtfülle.

www.eco.de

Quelle: eco – Verband der deutschen Internetwirtschaft e.V.

Seite gelesen: 4393 | Heute: 3 | Zuletzt am 22. Juli 2017

 

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